Nachts im Tennispark

Eine lange und heiße Saison 2026 ist Geschichte. Am 4. November machte das multikulturelle Aufräumkommando aus Bremen, Schwaben, Niederbayern, Moskau und Italien den Tennispark Ramersdorf winterfest. Bänke, Besen, Schläuche, Netze, Abfalleimer und Abziehmatten und sogar der berühmte grüne Tisch wurden zusammengelegt und eingelagert.

 

Sauber gestapelt und verpackt schlummern sie in den Ecken der Terrasse, den grünen Blechhütten oder unter dunklen Planen. Nachts, wenn sie mutterseelenallein sind im winterlichen Tennisparadies, wachen sie auf und man kann hören, wie sie sich ärgern oder amüsieren über all das, was sie in den letzten Monaten durchgemacht haben.

 

Erlöst von der intensiven Saison liegt Netz 8 neben Netz 9 im Eck des Schuppens und seufzt: „Endlich mal Entspannung nach dem ganzen Geballere in meine Eingeweide“.  Das schnappt Netz 1 auf: „Stell dich doch nicht so an wegen der paar Netzroller von den Anfängern. Wenn Boris und Christian klopfen, dann tun Schläge weh. Aber die kleinen Piekser, über die du jammerst… Lächerlich!  Sowas kenn ich von meinen Vormittags-Senioren. Augenrollen, ja. Aber Bauchschmerzen?“

 

Ein wenig weiter im Schiebetür-Schuppen haben sich Besen und Linien in die Haare bekommen. „Wir armen Linien können nur einmal am Saisonanfang strahlen und dann kannst du zuschauen, wie wir verlottern. Kaum ein Besen macht sich die Mühe, unsere Schönheit zu pflegen. Außerdem werden wir viel öfter getroffen, als manche zugeben. Aus, schreien sie lauthals. Derweil war der blöde Ball genau auf uns gelandet. Das sieht ja sogar ein blinder Besen.“

 

„Kehrt ihr mal lieber vor der eigenen Tür“ rufen die Besen den Linien zu. „Wir können ja nix dafür, dass die meisten partout nicht die paar Minuten aufbringen wollen fürs Kehren! Die hoffen wohl, dass sie justament in den letzten 5 Minuten den Durchbruch in ihrer Tenniskarriere schaffen…“

 

Auch die Schläuche beklagen die Ignoranz vieler Spieler: „Wenn wir nicht wässern, dann verstaubt alles – vor allem in so einem Sommer wie dem heurigen“, meint Schlauch 1, für den es die erste Saison war. Er kam neuangeschafft aus dem Internet und musste gleich erleben, was es bedeutet, an heißen Tagen einfach links liegen gelassen zu werden. „Diese Amateure wissen ja nicht mal, dass sie sich selbst am meisten schaden. Gewässerte Tennisplätze verhalten sich zu staubigen wie Pulverschnee zu Eisplatten beim Skifahren.“

Durchweg Lob ernten die Abziehmatten. Die versuchen wenigstens etwas Ordnung zu machen. Komischerweise ziert sich da keiner. Die nimmt jeder, man will ja keinen Saustall hinterlassen. Davon können die Abfalleimer ein Lied singen. Dort wird offenbar alles entsorgt, was man zuhause nicht mehr brauchen kann. Leere Flaschen, Socken, Tupperdosen…

Egal, Schwamm drüber. Es war ein wunderbares Tennisjahr. Vielleicht lernen ja die einen oder anderen etwas dazu für die nächste Spielzeit. Man soll die Hoffnung nie aufgeben. Netz 1 ist jetzt schon gespannt auf die neue Saison. Werden wieder so viele neue junge Gesichter auftauchen, die mit Matten verkehrt rum abziehen, obwohl es dann kratzt wie ein altes Grammophon?

Der grüne Tisch hat sich ins letzte Eck der Terrasse abstellen lassen. Er braucht dringend ein paar Wochen Pause nach den langen lauen Sommernächten. Seine Wintervertretung schiebt eine vergleichsweise ruhige Kugel. Nur am Darting-Dienstag werden ein paar Augustiner und Aschenbecher rumgeschoben. Spätestens um 21 Uhr ist Schluss. Winterzeit ist Ruhezeit. Erst ab März hören wir die Rufe aus den Abstellschuppen: „Lasst uns wieder raus!“

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