Im Telefonbuch liest man „Tennisanlage Ramersdorfer Park“. Bayernweit bekannt sind wir als Tennispark Ramersdorf. Die Anlage ist ein Unikat in der deutschen Tennislandschaft. Der Tennispark Ramersdorf ist nämlich, geschichtlich bedingt, ein Mischling aus Gewerbe und Verein. Die gewerbliche Seite haben wir geerbt vom Sport Scheck, der damals am Mittleren Ring, wo die Rosenheimer Straße in die A8 übergeht, eine seiner vielen Anlagen in München betrieb. Ende der 90er hatte der Sport Scheck keine Lust (und kein Geld) mehr und übergab die Anlage an die Stadt München. Der Pächter blieb der gleiche: Hannes musste am Anfang ziemlich strampeln, aber als Oberpfälzer bekam er eine große Portion Sturheit und Durchhaltevermögen in die Wiege gelegt. Und gleichzeitig Gespür für die großstädtische Kundschaft in München. Die will halt Tennisspielen, wenn´s grad passt, nicht lange planen und schon gar keinen Partner suchen – das klappt ja selbst im Liebesleben höchst selten.

Home of Social Tennis
Hannes Antwort darauf war: „Du, ich hätt da jemanden für dich, heut um viere. Toller Spieler. Guter Typ. Der passt zu dir. Hast du Zeit?“ Tennis on demand. Partnervermittlung im rund-um-sorglos-Paket. Diese Erfolgsformel entwickelten Hannes und Natascha zur Perfektion. Bald waren so viele Leute am Start, dass Hannes sich dachte: Den Haufen muss man organisieren und domestizieren. Immer mehr neue Mannschaften wurden gegründet und stiegen in den Spielbetrieb des BTV ein. Vom Kindes- bis ins Greisenalter sorgen sie zwischen Mai und Juli für Hochbetrieb.
Rein sportlich gesehen ist der Tennispark Ramersdorf der Schwarze Schwan der Tenniswelt: Ja, es gibt bessere Plätze auf schöneren Anlagen, aber man findet kaum Spieler mit mehr Begeisterung und mehr Teamgeist als am Mittleren Ring gegenüber vom Burger King. Die Anlage ist von Februar bis November geöffnet. Die Auslastung der 12 Plätze ist vergleichbar mit der des Grünwalder Stadions (wenn die Löwen spielen). Man hörte schon, dass die Plätze auf dem Schwarzmarkt gehandelt werden.
In den letzten Jahren kamen erfreulicherweise mehr neue und junge Leute dazu. Während auf anderen Anlagen oft gähnende Leere herrscht, boomt das Social Tennis im Tennisparadies Ramersdorf. Für viele wurde Tennis ein wichtiger Teil ihres Lebens und das Tennisparadies Ramersdorf die (mindestens) zweite Heimat.

Zweite Heimat Tennisparadies
In meinen Augen hat der Tennispark Ramersdorf etwas Märchenhaftes. Das geht schon damit los, dass man die Einfahrt vom Mittleren Ring schnell verpasst, wenn man sie nicht kennt. Wie Gleis 9 ¾ bei Harry Potter: Man glaubt es kaum, aber es geht wirklich durch die fast verwachsene Zufahrt durch einen kleinen Park zum verwitterten Zaun des Parkplatzes. Der Parkplatz ist groß und nicht nur an Spieltagen rappelvoll. Bei Turnieren regelt Vorstand Woita (preussisch: Walter) den Verkehr. Seinen brachialen Ansagen widerspricht man nur ungern.
Wenn man vom Parkplatz ums Eck zum Aufgang der Terrasse geht, taucht man Schritt für Schritt in das Ramersdorfer Tennisleben ein. Die wenigen Tische auf der Terrasse sind spätestens gegen Abend gut gefüllt. Ausnahme ist der grüne Tisch am Eingang – der ist fast immer besetzt und fast immer mit den gleichen Leuten. Jeden Tag, Jahr für Jahr. Wenn es den Tennispark Ramersdorf nicht gäbe, würde das ein riesiges Loch in den Tagesplan einiger Stammgäste reißen.
Erahnen lässt sich dieses Vakuum zum Ende jeder Saison, wenn das Wetter nicht mehr so stabil ist, dass man jeden Tag automatisch zum Tennispark fährt. Dabei pflegen die Ramersdorfer eine eigene, großzügige Definition von Tenniswetter. So kann es passieren, dass nach einem heftigen Regenguss die Plätze unter Wasser stehen und trotzdem ein paar Kandidaten auftauchen und wie selbstverständlich auf die Plätze marschieren würden. Woita fängt sie ab mit unmissverständlichen Wetteransagen: „Sogamoi, spinnts ihr? Habts ihr Tomaten auf den Aung? Nix do, moing wieda…“
Andere rufen an und meinen: „Tennis geht scho, oda? Bei uns in Unterhaching rengts ned.“ Oder umgekehrt stornieren sie einen Platz eine halbe Stunde vorher: „Am Tegernsee rengts! I kimm ned.“

Der grüne Tisch
Alle wissen: „A bissl was geht immer!“ Denn Natascha hat den Laden im Griff. Schon früh am Morgen kümmert sich Gheorghi, unsere rumänische Diva, darum, dass die Plätze einsatzbereit sind. Natascha ärgert sich manchmal über seine kurzfristigen Absagen und seine Launen. Sein mageres Deutsch kann nur schwer zur Verständigung beitragen. Nur Niki Pilic hat nach längerer Zeit noch weniger Deutsch gesprochen als Gheorghi. Aber die Wahrheit ist: Ohne Gheorghi wären viele Ramersdorfer Tennistage im Wasser ersoffen. Ohne seinen Einsatz wären uns Linien um die Ohren geflogen und Löcher im Platz zu Verhängnis geworden. Und meine Erfahrung ist: Wenn man freundlich mit ihm umgeht, taut das rumänische Reibeisen schnell auf.
Im Sommer sind die ersten ab 8.00 Uhr aufm Platz. Meist Berufstätige, die anschließend direkt ins Büro müssen…. Nach ihnen lauern die Senioren. Sie bestehen immer auf die ersten Plätze ganz vorne. Angeblich ist ihnen der Weg zu den hinteren Plätzen zu weit. Spektakuläre Tennisdarbietungen können nicht ihre Rechtfertigung für den Center Court sein. Egal, das Publikum am grünen Tisch ist dankbar und abgehärtet und schickt normalerweise nur in äußersten Fällen Kommentare über den Zaun. Aber an manchen Tagen verwandelt sich die erste Terrassenreihe in ein gnadenloses Kommentatorenrudel. Es reicht ein leicht verschlagener Volley oder ein falsches Wort der Spieler und die Terrasse explodiert in eine Fanfare von Schmähungen und Sticheleien.
- „Zefix, I kriag koan Druck hintern Boi!“ – „Du muasst erst treffa, dann kannst drucka.“
- „Den Schlag kann i doch“. Echo von der Terrasse: „Des waar uns nei!“
- „Wo isn bloß heid mei Rückhand?!?“ – „Seit Geburt von dir getrennt!“
Abgesehen von diesen kurzen Eskalationen ist sich der grüne Tisch meist selbst genug. Man verzichtet auf externe Reize und setzt konsequent auf die interne Kunst des Bled-Daher-Redens. Diese wurde durch hartes Training über Jahre hinweg perfektioniert.

Die existenzielle Frage der Nachfolgeregelung für den verschiedenen Oberschiedsrichter und Chefkommentator Woita Eberl wurde geschmeidig gelöst. Das Team verteilte die gewaltige Aufgabe auf mehrere Schultern: Der Woita-Eberl-Platz im Eck wird nun vorrangig von Maddin und Michi gewärmt. Maddin darf spätestens dann einspringen, wenn Michi auf dem Platz wieder mal gegen sich selber spielt. „Du bist der blödeste Mensch, den ich kenne auf diesem Planeten,“ ist noch eine der höflicheren Selbstreflektionen.
Alle Experten sind sich einig, dass Michi tennistechnisch das Zeug hätte, dauerhaft die Senioren von Platz 1 zu verdrängen. Aber der mentale Druck der Tribüne bringt ihn immer wieder mal aus der Fassung. Mit nur einem kleinen Schuss der Maddinschen Gelassenheit würde er die meisten Gegner vom Platz schießen. Selbst Alexis, der sich im Spätsommer 2025 für unbesiegbar erklärte – in einer Art Reminiszenz an seine griechischen Wurzeln und Alexander den Großen. Wobei der Expertenrat Alexis Alleinstellung eher seinem neuen Tenniskoffer zuschreibt. Damit trat Alexis übrigens in die – kleinen – Fußstapfen der Ramersdorf-Legende Manfred Wambsganss.
Tennis international
Berühmt sind Alexis sonntäglichen Duelle mit Tony, unserem Vorzeige-Australier. Same time, same place – und Tony ist immer „Heim“. Die Spiele sind geprägt von hoher emotionaler Intensität. Man kann förmlich sehen, wie es unter Tonys Motorhaube kocht. Alexis kühlt mit griechisch-fränkischer Entspanntheit. Unabhängig vom Spielausgang rauchen sie danach eine Friedenspfeife im Australier-Biergarten, den Delio liebevoll ausgeschildert hat.
Delio ist die rührige Speerspitze einer starken italienischen Tennisgemeinde, die dem italienischen Tennis in München weit vor Jannik Sinner Gesicht verlieh. Nicht nur auf dem Platz. Davor und danach werden die ewigen Fragen Italiens diskutiert: Juve oder Inter, Pasta oder Pizza, Grappa oder Amaro???

Unter den vielen Italienern ist Delio auf jeden Fall der mit Abstand bayerischste. Und, seien wir ehrlich, bayerischer als die meisten Münchner. Zuagroaste Preissn sind ohnehin kein ernsthafter Maßstab. Wenn man Delio für Haxn, dunkles Bier oder das Tegernseer Bräustüberl schwärmen hört, würde man meinen, dass er nicht aus der Emilia Romagna kommt, sondern irgendwo zwischen Ramersdorf und Rosenheim geboren wurde. Dann wäre er wohl irgendwann versehentlich in einen Zug Richtung Brenner gestiegen. Er wäre in Bologna von Bord gegangen, weil er Hunger hatte. Dann hätte er den Rest des Bahnhofs begrüßt: „Servus, I bin Delio. Habts ihr auch Haxn?“
Manchmal müssen wir zwar klein beigeben auf seine immer wieder kehrende Frage: „Was ist bloß mit de Juve?“. Aber Juve hin, Inter her: Wir haben Delio und die ganze italienische Gemeinde fest ins Herz geschlossen. Denn eins steht fest: Auch in der Tenniswelt gibt es kein Paradies ohne Italien.
Grill und Terrasse
Mit seiner angeborenen Expertise rund um Wurst und Salami ist Delio am Grill von Hans ein gern gesehener und geschätzter Diskussionspartner. Eine der Grundregeln am Ramersdorfer Grill lautet: Das letzte Wort – und die letzte Wurst – gehören im Zweifel immer Hans. In den letzten 30 Jahren hat er nur einmal als Grillmeister bei einem Ramersdorfer Turnier passen müssen: Da weilte er mit Nils in Wimbledon. Die Engländer wollten auch mal gute Würstl – und nicht immer nur Erdbeeren mit Sahne.
Mittlerweile weiß man auch in London: Nur Hans entscheidet, wenn die Würstl durch sind. Und sonst keiner. Auch nicht die Würstl selbst. Wartezeiten am Grill überbrückt er geschickt mit einem Kurzreferat darüber, wie man „Doppe spuit“ – so wie er. Und wie nicht – so wie alle anderen. Kurzum: Wenn man in Ramersdorf Doppe spuin wui, dann am besten mit Hans. Dann lernt man auf jeden Fall was fürs Leben.

Das gilt auch für Mike. Wenn auch nicht im Doppe. Und auch nicht im Einzel. Aber wenn Mike am grünen Tisch auf der Terrasse einen guten Tag erwischt, ließe sich darüber ein Buch schreiben. Wenn er noch eine Hoibe zwickt und gleichzeitig Franz ums Eck kommt, entlädt sich ein Feuerwerk. Man kann nur noch versuchen, den Strauß an Dialogen einigermaßen für sich selbst zu ordnen. Die Spannbreite geht von der Aufstellung Italiens bei der WM 1974 gegen Haiti bis zur Auswahl des richtigen Stoffs für die Liegestühle, falls Trump den Gaza-Streifen doch für Strandurlauber herrichten würde. Die Herausforderung für uns Otto-Normal-Zuhörer ist, so viel wie möglich in Erinnerung zu behalten. Denn die allermeisten Sprüche haben das Zeug zum Klassiker. Und die allerwenigsten sind druckreif.
An den allerbesten Tagen sitzt Maddin auf dem Woita-Eberl-Gedächtnis Stuhl im Eck. Daneben liegt das rote Feuerzeug von Michi, mit dem er sich gleich eine köpft. Franz fläzt daneben, lässig zurückgelehnt und auch bei 30 Grad in Lederjacke. Mike referiert im Stehen im Tarnanzug aus dem Hintergrund, nicht selten mit einem Weißbier in der Hand. Gegenüber, je nach beruflicher Abkömmlichkeit, mindestens einer der Christians, Stefan und am Geländer dann Thomas mit seinem Tabak-Packerl. Der hat sich jüngst extra eine neue Hüfte einpflanzen lassen, weil er im Tennis-Magazin gelesen hat, dass das die Beweglichkeit erhöhe. Tatsächlich schießt er seine Glockenbach-Diagonal-Vorhand aus der Hüfte nun schärfer als je zuvor.

Ein Stück Alltagsglück
Damit hier kein falscher Eindruck hängen bleibt: Es gibt im Tennisparadies Ramersdorf auch Leute, die gutes Tennis spielen. Christian, Martin (nicht zu verwechseln mit Maddin!), Andi, Anja, Steffi – Michi?! – und noch ein paar andere. Die Mehrheit allerdings bietet ordentlich Potential für Tennislehrer. Das weiß auch der langjährige Tennis-Dozent Christoph. Er versucht sich seit Jahrzehnten selbst an hoffnungslosen Fällen.
Der klassische Ramersdorfer Spieler interpretiert Training wie folgt: Man trifft sich zu festen Zeiten auf fest reservierten Plätzen, spielt etwas Einzel und Doppe, und vergnügt sich dann auf der Terrasse. Sie alle haben das Ramersdorfer Credo verinnerlicht: Im Tennisparadies ist das Spiel selbst nur der Anlass. Vor allem geht es um das emotionale Gesamtpaket, mit dem man belohnt wird, sobald man sich vorgearbeitet hat bis zum Allerheiligsten des Paradieses.
Manche Gruppen buchen dieses kleine Stück vom Alltagsglück dauerhaft im Paket: Jeden Samstag 2 Stunden Spiel + 4 Stunden Prosecco-Chatting + Happy End (optional).
Ein Team für alle Fälle
Man kann sich vorstellen, dass es keine leichte Aufgabe für die Paradies-Manager ist, diese Erwartungshaltung tagtäglich zu bestätigen. Chefin Natascha, Vorstand Woita und der Rezeptions- und Einsatztrupp mit Moni, Matze, Niko, Jiri, Gabi und Gheorghi haben alle Hände und Ohren voll zu tun, um die vielen täglich eintrudelnden und teils skurrilen Anliegen unter einen Hut zu bringen.
Gheorghi etwa darf sich schon am Morgen wundern, wenn ambitionierte Frühaufsteher in seinem Abziehnetz verfangen. Natascha muss, ganz CEO-like, die Gesamtinteressen abwägen: Der Kunde hat immer recht – zumindest in der offiziellen Version. Selbst für einen Inder, der im Oktober um 21:00 Uhr bei Stockdunkelheit mit dem Schläger unter dem Arm antänzelt, findet sie freundliche Worte, die ihm das Gefühl geben, dass er eigentlich richtig reserviert hatte, aber sein Partner in einer Nacht- und Nebelaktion abgesagt hat.

Woita hat sich mittlerweile immer mehr von Natashas Moskowiter Feingliedrigkeit abschauen können. Anstatt telefonische Bitten um eine Reservierung abzukanzeln mit: „Mia san voi“ – antwortet er nun immer öfter ausladend höflich: „Mia san voi. Ruaf moing wieda o.“ Ergänzt durch ein von Kopfschütteln begleitetes „So ein Hamperer“ – aber erst, nachdem er aufgelegt hatte.
Jeder, der in das Tennisparadies eintaucht, spürt diese wohltuende Balance zwischen Good Girl und Bad Guy. Hier kann nix anbrennen. Wir haben für alles eine Lösung. Und wenn gar nichts mehr hilft – sprich: wenn ein Preiß weder mit Nataschas russischem Akzent noch mit Woitas oberbayerischer Resolutheit zurechtkommt – schicken wir unser Bremer Moderationstalent Matze ins Rennen. Mit der seltenen Kombination aus norddeutscher Beredtheit und bayerischer Gelassenheit komplementiert er fremdelnde Neulinge behutsam ans Netz und später auf die Terrasse. Ein klassischer Erstkontakt, der hoch ansteckend wirkt! Das Tennisparadies greift über in dein Leben und zwei Wochen später kannst du dir schon nicht mehr vorstellen, dass es je ein Leben ohne das Tennisparadies Ramersdorf hat geben können.
Und das wird hoffentlich noch viele Jahre so bleiben!





Bildmaterial mit freundlicher Unterstützung von KI.
Ähnlichkeiten mit echten Personen sind rein zufällig, aber gewollt.
